Diese Sorge ließ ihn mir
sehr ans Herz wachsen und er blieb da.
Die erste richtige Reaktion von ihm war daß er mir sehr gründlich in den
Finger biß. Das war so fest daß ich Angst um den Finger hatte, er hätte ihn
mir glatt abbeißen können.
Da er mit dem Schnabel meinen Finger umfaßt hatte blieb ich
unverletzt. Er hatte wohl aus Angst zugebissen, später tat er es
nie
mehr so fest, nur wenn er mal sauer war spürte ich es schon in
unsanfter Weise.
Er
griff dann auch mit den Krallen fest zu was regelmäßig zu kleinen
punktförmigen Löchern in der Hand oder der Schulter führte. Aber daran
gewöhnt man sich auch mit der Zeit.
Nachdem nun der Vogelbestand um so einen großen Vogel angewachsen war wurde
überlegt wie man die alle in der für sie am besten geeigneten Form
unterbringen könnte. Die großen Wohnräume waren zu eng geworden.
In ein
anderes Zimmer sollten sie nicht da sie alle zur Familie gehörten und gehören.
Zudem wäre das Zimmer auf einer anderen Etage gewesen und die Vögel vom Rest
der Familie getrennt.
Also
wurde ein Wintergarten geplant und errichtet. Groß und hell und sonnig.
Beheizbar und auch soweit mit Läden abzuschotten daß er wie ein
normaler Raum wirkte.
Doch eingezogen dort ist keiner der Vögel.
Die Umstände brachten es mit sich
daß das Haus mit allem drum und dran verkauft werden mußte bevor der
Wintergarten wirklich seine vorgesehene Funktion erfüllen konnte.
Ich suchte ein neues Heim für mich und fand es in Form eines älteren Hauses
welches ich kaufte. Dort gab es für die Vögel ein Zimmer, eigentlich für sie,
da das Haus jedoch nicht allzu groß war mußte der Schreibtisch auch mit rein.

Das vorhandene Fenster ersetzte ich durch eine Balkontür und baute außen
eine kleine Voliere von 2 mal 3 Metern an. Nun konnten meine Vögel auch mal an
die frische Luft wenn das Wetter es erlaubte. Das Foto hier wurde in dieser
Voliere gemacht.

Ich hatte bei der Renovierung des Vogelzimmers einen kleinen Fehler
gemacht,ich hatte tapeziert. Ein willkommener Anlaß für die
Vögel die Tapeten in mühsamer Kleinarbeit in winzigen Fetzen
wieder von der Wand zu reißen.
Freddy hatte es zudem auf die Tür abgesehen auf welcher er gerne
und oft saß. Mit der Zeit bekam die Tür an der vorderen
Kante eine etwas eigenwillige Form, er mochte wohl nichts eckiges, es
mußte abgerundet sein.

In dieser Zeit freundete er sich mit Louise, meinem Kakadu, an. Die beiden
bildeten eine sehr enge Gemeinschaft, sie waren immer und überall zusammen, vor
allem wenn es darum ging Unsinn zu machen. Spielen in einem (sauberen)
Abfalleimer war für beide eine reine Freude. Allerdings hielt der Abfalleimer
dem Schnabel von Freddy nicht lange stand.
Auch ein Sack war ein interessantes Spielzeug, was man damit alles anstellen
konnte.
Ebenso waren Kartons eine beliebte Sache, die zu zerschreddern konnte Freddy schon mal einige Tage beschäftigen.


Daß es dabei in meinem Haushalt nicht immer sehr ordentlich ausschaute kann
man sich vorstellen. Aber das kennt sicher jeder der Vögel hat und ihnen auch
etwas Freiraum zur Beschäftigung gewährt, man kann ja wieder aufräumen, also
was solls.
Eines schönen Tages war Freddy seltsam drauf, wühlte am Boden rum und
benahm sich merkwürdig. Des Rätsels Lösung war daß Freddy eigentlich ein
Mädchen war und ein Ei legte. Es war rührend zuzuschauen wie gebrütet wurde.
Entstehen konnte daraus nichts, jedoch das mütterliche Gehabe zu erleben war
etwas sehr schönes. Auf dem Foto erkenne ich heute noch deutlich die Freude die
er (sie) hatte.
Den Namen von Freddy, den hatte er (sie) von vorigen Halter, habe ich nicht
geändert. Sie war halt von da an mein kleines blaues Mädchen.
So verging die Zeit bis wieder andere Umstände es erforderlich
machten nochmals umzuziehen.
Diesmal war mein Haus dem Bergbau zum Opfer
gefallen, auf Dauer nicht zu halten, ein Totalschaden.
Die Abfindung
der Bergbaugesellschaft machte es möglich nach einem anderen
Eigenheim zu suchen. Dieses fand ich als ehemaliges Wochenendhaus
abgelegen in ländlicher Umgebung außerhalb jeder Ortschaft.
Vor allem gefiel mir daß ich Vogelzimmer, Außenvoliere,Wohnzimmer und Küche
nebeneinander habe und somit ein freier Flug der Vögel von ca. 12
Meter möglich ist.
Damit konnte Freddy erstmals ein wenig seine
wunderbaren Flugkünste üben. Mit lautem Flügelrauschen
hat er das auch gerne getan.
Sogar durch eine normale Tür welche
eigentlich zu schmal für seine Spannweite ist flog er durch.
Daß er auch hier viel Unsinn anstellte ist klar. Seine "größte
Tat" war es den Elektroherd anzuschalten und ein Küchenhandtuch
anzukokeln. Das hätte ins Auge gehen können.
Ansonsten
räumte er gerne das Besteck auf und öffnete die Schubladen um
endlich mal Ordnung zu schaffen.
Er saß viel bei mir wenn ich am
PC saß, lief über die Tasten und hat den Rechner zu Dingen
getrieben von denen ich gar nicht wußte daß so was geht.
Auch mal das Scannerkabel durchtrennen war drin, ich suchte mir einen
Wolf warum das Teil nicht mehr funktionierte.
Aber das hielt nur noch ein Jahr an, Freddy wurde krank.
Es begann mit unverdautem Futter im Kot. Dazu kam dann würgen und erbrechen.
Natürlich fuhr ich mit Freddy gleich zum Tierarzt um die Sache
untersuchen zu lassen. Erst machte ich mir wenig Sorgen, dachte an eine
Kropfentzündung oder ähnliches.
Es wurde beim Tierarzt ein Kropf- und
Kloakenabstrich vorgenommen und ins Labor geschickt.
Ergebnis war eine Infektion mit E-Coli-Bakterien.
Diese wurde auch behandelt und
alles schien gut.
Jedoch kurze Zeit nach Abschluß der Behandlung
wieder die gleichen Symptome. Wieder zum Tierarzt, diesmal waren es
Staphylokokken.
Nochmals Antibiose, die Erreger waren weg.
Inzwischen
konnte ich die Bakterien selber mit meinem einfachen Mikroskop erkennen
und die Lage beurteilen.
So sah ich nur 36 Stunden nach Beendigung der Behandlung die Erreger
wieder in großer Zahl auftauchen.
Nochmals Tierarzt, diesmal
wurde mit einem Reserveantibiotikum behandelt. Wieder waren die Erreger
verschwunden.
Jedoch eine Woche später wieder würgen und unverdautes im
Kot, nochmals Staphylokokken.
Also wieder Tierarzt, aber dieser war
offensichtlich mit seinem Latein am Ende und kam hilfloserweise mit
irgendwelchen homöopathischen Kügelchen an.
Zu dieser Zeit fraß Freddy schon nichts mehr, ich ernährte ihn
mit Babyheilnahrung in Breiform mittels Spritze.
Da wir beide, Freddy
und ich,im Laufe der gemeinsamen Jahre ein sehr enges Verhältnis
zueinander hatten und er (sie) mir völlig vertraute ging das
problemlos.
Freddy mochte den Brei, nur manchmal zerbiß er mal
eine der verwendeten Wegwerfspritzen. Aber so konnte das nicht
weitergehen.
Ich schlief schon auf der Couch im Wohnzimmer damit ich
nicht zu weit weg war.
So machte ich mich daran einen anderen Tierarzt in 100 Km Entfernung aufzusuchen.
Dieser machte erst mal eine wirklich gute und soweit möglich, Freddy war
schon schwach und hatte Gewicht verloren, komplette Untersuchung.
Diese ergab extrem hohe Werte der Leukozyten bei der Blutuntersuchung.
Auch die roten Blutkörperchen waren sehr stark vermindert, mein
Vogel schon anämisch.
Es stand fest daß Freddy eine starke Entzündung im
Körper haben mußte.
Natürlich wurde auch eine
Laboranalyse in Auftrag gegeben.
Ich bekam wieder Antibiotikum, ein Pilzmittel und spezielles
Aufzuchtfutter für Freddy.
Das Futter mochte er aber gar nicht, also mahlte ich die ebenfalls
erhaltenen Pellets zu Pulver und machte Brei draus. Ein großer
Fehler.
Die Pellets hatten bei weitem nicht den Nährstoffgehalt
den Freddy gebraucht hätte. Er magerte ab und war soweit daß
ich große Angst um ihn hatte.
Da hatte ich eine Idee. Ich besorgte reines Eipulver welches man als
Aufzuchtfutter bekommt. Damit war es dann möglich Freddy wieder etwas
aufzubauen, nach zwei Wochen war es dann soweit daß wir nochmals zum Tierarzt
fahren konnten.
Bei diesem Termin wurde Freddy geröntgt. Auf dem Bild war dann
deutlich zu sehen daß Freddy´s Drüsenmagen stark
erweitert und der Darm geschwollen war. Es war ein großer Schock
als der Tierarzt sagte daß er PDD (neuropathische
Drüsenmagenerweiterung) vermutet.
Ich wußte schon daß diese Krankheit immer
tödlich verläuft, es keine Behandlung gibt und die Ursache weitestgehend im
Dunkeln liegt.
Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf. Freddy bekam ein Schmerzmittel, Antibiotikum, ein Aufbaupräparat.
Tatsächlich
erholte er sich, fing wieder an selber zu fressen. Das Würgen
verschwand, ebenso das unverdaute Futter im Kot. Alles war wieder ganz
normal.
Jedoch hielt das nur eine Woche an, danach kam der Absturz.
Es war schlimmer
als zuvor, das Würgen war ganz fürchterlich, der Kot wurde
schwarz durch verdautes Blut welches wohl aus dem Magen kam.
Das
Breifutter wollte er gar nicht mehr, anscheinend verursachte es ihm
Schmerzen, daher ließ ich es weg.
Ich konnte nur noch zusehen wie er von Tag zu Tag weniger wurde.
Schließlich behielt er praktisch gar kein Futter mehr bei sich. Auch hatte er
zusätzlich noch Schmerzen durch das Schmerzmittel, es schien zu
brennen. Also stellte ich um und gab ihm ein Schmerzmittel für
Menschen, das vertrug er besser.
Daß
dies nicht gerade gut und gesund sein konnte das war mir völlig
klar, jedoch habe ich es bewußt so gemacht, er mußte
sterben und verkehrt machen konnte ich eigentlich nichts mehr, nur noch
lindern und trösten.
Nach
ungefähr einer Woche, ich schlief schon seit etlichen Wochen auf
der Couch mit Freddy dabei, kam der Tag des Abschieds.
Freddy
war sehr schwach geworden, er war regelrecht bei lebendigem Leib schon
fast verhungert. Noch nicht einmal mehr Wasser behielt er bei sich,
alles kam unter schlimmem Würgen wieder raus.
Da konnte ich
sein Elend nicht mehr mit ansehen, er hatte wohl nur noch Stunden oder
bestenfalls ein bis zwei Tage zu leben.
Zum Tierarzt fahren war nicht
möglich, diese Quälerei eines 100Km langen Transportes konnte
ich ihm nicht antun. Also rief ich eine Tierärztin aus der
Nähe an und bat darum vorbei zu kommen. Diese war so freundlich
dies auch zu tun.
So konnte Freddy zuhause sterben, die Tierärztin schläferte ihn ein und er ist in meinen Armen gestorben.
Ich
habe ihm eine hölzerne Kiste gezimmert für seine letzte Ruhe. Sein
Namensschild habe ich darauf befestigt und ihm seinen Ring den er nie getragen
hat als sein einziges ganz persönliches Besitztum mitgegeben.
Er
liegt nun unter einer alten Birke, ein schöner und schattiger Platz.
Er
hat mich etliche Jahre meines Lebens begleitet, ein Freund wie es keinen
besseren geben könnte. Er war nie schlecht gelaunt, hat mir zur Seite
gestanden und mich getröstet wenn es mir mal nicht so gut ging und war ein
Quell ständiger Freude.
Ich werde ihn nie vergessen und es wird wohl sehr lange dauern bis ich über seinen Tod hinweg kommen werde.